Moderne Kunst als Kapitalanlage

 

Es gibt Tage, da blickt man in New York nicht auf die Aktienkurse, die an der Wall Street nach oben und nach unten ausschlagen, und auch nicht auf die Firmen, die täglich um die Gunst der Anleger wetteifern. Stattdessen blicken dann selbst hartgesottene Börsenhändler gen Rockefeller Plaza, wo das Auktionshaus Christie’s seinen amerikanischen Sitz hat. Weil sie wissen: Dieses Mal geht es dort um die Millionen

 

Der 15. Mai 2013 war ein solches Datum, und als das Auktionshaus nach noch nicht einmal zwei Stunden die einzige große Versteigerung des Tages beendete, war allen Anwesenden klar: Heute hatte man hier Geschichte geschrieben. Gemälde zeitgenössischer Künstler im Gesamtwert von sage und schreibe 495 Millionen Dollar hatten die Spezialisten da verkauft, ein Rekord. Allein ein Bild des Afroamerikaners Jean-Michel Basquiat erzielte einen Preis von fast 50 Millionen Dollar, auch das eine Sensation: Erstmals wurde so viel Geld für ein Graffiti-Kunstwerk gezahlt. Wertsteigerung innerhalb weniger Stunden: fast 100 Prozent.

 

Zugang zum Kunstmarkt auch für Normalverdiener möglich

Nie waren die Bilder zeitgenössischer Künstler so teuer, nie waren die Renditen verlockender – und dennoch bleibt beim Publikum der Eindruck: Der Kunstmarkt ist allein ein Tummelplatz für Superreiche. Ohne Millionen auf dem Konto gibt es hier keinen Zutritt.

Doch in Wahrheit kann gute Kunst durchaus erschwinglich sein – eine Erkenntnis, die  vor allem zwei Messen ihren Besuchern nahebringen möchten: Die „Art Fair“, die  in Köln stattfand, und die „Affordable Art Fair“, die jeweils in Hamburg startet. Auch wenn sich die Konzepte im Detail unterscheiden, eint beide Veranstaltungen ein Ziel – zeitgenössische Kunst soll sich hier jeder leisten können. In Hamburg beispielsweise kostet kein Werk mehr als 5000 Euro.

Ein guter Einstiegspreis für all jene Normalverdiener, die sich für Kunst nicht nur um der Kunst willen interessieren: Sondern die neben der Freude an einem schönen Bild den Kauf auch als ein Investment begreifen. Natürlich wird man für 5000 Euro keinen Andy Warhol bekommen und schon gar keinen Picasso. Aber dafür garantiert der vergleichsweise niedrige Preis zumindest, dass der Käufer eine der wichtigsten Regeln der Geldanlage einhält – das Prinzip der Streuung. Wer nämlich stattdessen hohe Summen für ein einzelnes Bild ausgibt, macht sich mit einem Gutteil seines Vermögens vom Erfolg oder Misserfolg eines Künstlers abhängig. Auf die Welt der Börsen übertragen, hieße das: Hier setzt einer alles auf eine einzige Aktie. Mit anderen Worten: Zockerei pur. Kauft man dagegen für deutlich weniger Geld die Werke mehrerer Künstler, ist das Risiko viel geringer.

 

Beispiele

 

 

 

Nicht automatisch Wertsteigerung

Dass sich für Einsteiger dabei besonders die Arbeiten zeitgenössischer Künstler eignen, liegt auf der Hand. Denn hier bietet sich ihnen die größte Auswahl. Bei den vergleichsweise wenigen Kunstwerken aus früheren Epochen, die auf dem Markt sind, sind die Preise in aller Regel deutlich höher – ein Revier, das Profis vorbehalten bleibt.

Doch die Konzentration auf junge, erschwingliche Kunst garantiert eines nun gerade nicht – dass die Käufer automatisch auch mit einer gewaltigen Wertsteigerung für ein Bild rechnen können. Zwar ist der Preis für zeitgenössische Kunst nach Berechnungen der Unternehmensberatung Deloitte seit dem Jahr 2000 im Schnitt jedes Jahr um fast zwölf Prozent gestiegen. Doch Stefan Horsthemke, der für den Düsseldorfer Spezialisten „State of the Art“ Vermögende bei Kunstinvestitionen berät, warnt: „Hohe Renditen stellen sich keinesfalls wie von selbst ein.“

 

Eine Eigenschaft, die Kunstwerke mit Aktien gemein haben. Nur weil der Dax insgesamt hinzugewinnt, bedeutet dies schließlich noch lange nicht, dass jede einzelne der 30 Dax-Firmen ebenfalls ein Kursplus verzeichnet. Analog gilt für Kunstwerke: Wenn bekannte Preisbarometer wie der Mei Moses Fine Art-Index neue Höchststände erreichen, ist dies ein Durchschnittswert, der sich natürlich längst nicht auf jedes Werk übertragen lässt.

 

„Information ist der Schlüssel zum Erfolg“

Trotz dieser Gemeinsamkeit gibt es dann aber doch einen großen Unterschied zwischen dem Investment in Kunst und in Wertpapiere: Wer sich einmal für die Aktie eines Unternehmens entschieden hat, muss sich zunächst einmal keine weiteren Gedanken machen – die einzelnen Aktien des Versicherungskonzerns Allianz beispielsweise unterscheiden sich voneinander nicht. Bei Bildern ist das anders. Experte Horsthemke sagt: „Bei Künstlern, selbst bei den ganz großen, ist die Qualität jedes Werkes unterschiedlich.“

Nicht jede neue Stilart stößt beim Publikum auf das gleiche Interesse, nicht jede Schaffensphase weckt sofort Begeisterung. Das musste sogar Pablo Picasso erfahren: Das Spätwerk des spanischen Malers galt zu dessen Lebzeiten als schwer verkäuflich – heute dagegen ist es sehr begehrt. Dies zeigt: Die Moden am Kunstmarkt können wechseln, am Ende entscheidet oft auch der Zeitgeschmack darüber, ob sich ein Bild gut weiterverkaufen lässt oder nicht. Das heißt aber auch: Klar voraussehbar wie etwa die regelmäßigen Zinszahlungen, die eine Anleihe einbringt, ist ein Kunstinvestment nicht.

Wie aber sollen Einsteiger dann beurteilen, ob das Werk eines jungen Künstlers etwas taugt? Einfach ist dies nicht. Walter Gehlen, Direktor von „Art Fair“, beantwortet die Frage dennoch mit einem Satz: „Information ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Damit ist gemeint: Ausstellungen besuchen, Galerien kennenlernen, sich auf Internetseiten wie Artfacts.net über einzelne Künstler schlaumachen – all das hilft, um ein Gespür für den Kunstmarkt zu entwickeln. Wer den Bilderkauf rechnerisch genau kalkulieren will, kann sich zudem an einer Formel orientieren, die für junge Künstler in der Branche standardmäßig gilt. Sie lautet: Zunächst werden Länge und Breite eines Bildes (in Zentimetern) addiert – und das Ergebnis dann mit dem Faktor zehn multipliziert. Ein Werk mit 60 Zentimetern Länge und 40 Zentimetern Breite würde danach 1000 Euro kosten. Je größer ein Bild, umso höher also sein Preis. Sobald Künstler erste Erfolge wie beispielsweise eigene Ausstellungen vorweisen können, wird der Multiplikationsfaktor von seinem Ausgangspunkt zehn aus schrittweise nach oben erhöht. Natürlich ist das Ganze nicht mehr als eine grobe Faustformel, die für die Stars des Kunstmarktes ohnehin nicht gilt. Dennoch lässt sich damit klären, ob ein Angebot einigermaßen seriös ist oder nicht.

 

Quelle: Faz.net 27.10.2013

 

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